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Infos und Gedanken

Was haben Yoga und Psychotherapie miteinander zu tun?

Frühe Yoga Schriften wie Patanjalis Sutras beschäftigten sich schon mit der Psychologie und Anatomie des Geistes und betrachteten verschiedene Geisteszustände oder die Funktionsweise unseres Gehirns. 

Zunächst einmal: Es gibt es nicht das eine Yoga oder die eine Philosophie. Yoga ist eine Jahrtausende alte Tradition. Es haben sich unterschiedliche Strömungen und Richtungen entwickelt. Die mit teils unterschiedlichen, teils ähnlichen Methoden Hilfestellung anbieten, wie das Leben zu bewältigen ist. Yoga bedeutet Vereinigung, Verbindung, Einheit. Körper, Geist und Seele sollen in Einklang gebracht werden. Es geht demnach um Integration. In der Psychologie bedeutet Integration, Emotionen, Gedanken sowie alle Teile der eigenen Persönlichkeit anzunehmen, Konflikte in vermeintlichen Widersprüchen aufzulösen und daraus ein zusammenhängendes Ganzes zu entwickeln. Psychotherapien, insbesondere in tiefenpsychologischer Ausrichtung zielen auf Integration ab.

Zu den unterschiedlichen Yogawegen zählen:

  • Raja Yoga (Selbstbeherrschung, Psychologie: Umgang mit Gefühlen, Gedanken, Persönlichkeit; wörtlich: Königsweg),  

  • Jnana Yoga (Wissen, Erkenntnis, Weisheit),

  • Hatha Yoga (Asanas, Körperbeherrschung und Entspannung),

  • Bhakti Yoga (Hingabe, Verehrung des Göttlichen),

  • Karma Yoga (Yoga der Tat, des selbstlosen Dienens),

  • Kundalini Yoga (Energieerweckung, Lenkung von Energie).

Viele Yogis/ Yoginis praktizieren eine Kombination sämtlicher Yogawege und in der westlichen Welt spricht man dann von Integralem Yoga. Am Ende des Yoga Weges steht Moksha, die Befreiung. Was in letzter Instanz, die völlige Ablösung von der materiellen Welt darstellt und das letzte Stadium der Erleuchtung ist. Für die meisten Menschen ist dies am Anfang nicht sehr relevant oder nachvollziehbar, da wir auf viele Arten an unserer Sicht der physischen Realität hängen und diese auch benötigen, um überhaupt höhere Bewusstseinzustände zu erreichen. Unsere Realität ist der Boden, auf dem wir uns weiterentwickeln. Über Prozesse der Bewusstwerdung können wir Zusammenhänge in unserem Erleben und Verhalten erkennen und vom Reagieren zur bewussten Handlung übergehen. Es wird einfacher, sich von nicht mehr hilfreichen Mustern, Prägungen oder Konditionierungen zu lösen, benötigt aber in jedem Fall die bewusste Entscheidung dafür und Disziplin. Erleuchtung bedeutet, Licht in den Schatten zu bringen, womit Bewusstheit gemeint ist. Unterschiedliche Begriffe beschreiben Erleuchtung:

  • Samadhi: höchste Form der meditativen Versenkung, Körper, Geist und Seele sind eins

  • Mahasamadhi: die vollständige Ablösung von der materiellen Welt, der Übergang in die kosmische Weltenseele, göttliche Einheit

  • Bodhi: spirituelles Erwachen und Erkenntnis der wahren Natur der Dinge

  • Sat chid ananda: Sein-Wissen-Glückseligkeit; in diesen Zustand geht die erleuchtete Seele über

Nicht nur im Yoga, auch in anderen spirituellen Strömungen werden Zustände von Befreiung oder Erleuchtung angestrebt. Beispielsweise im Buddhismus ist das höchste Ziel Nirvana und meint die Freiwerdung von Leidenschaften und Begierden.

Psychotherapeutische Verfahren streben Bewusstwerdung von Emotionen, Gedanken und Glaubenssätzen sowie innerpsychischer Vorgänge an. Durch biografische Arbeit und Eigen- sowie Fremdbeobachtung wird reflektiert, wie ein Mensch zu seinen Grundannahmen kommt, sich in Beziehungen fühlt und verhält und welche Motive sein Verhalten bestimmen. Warum bestimmte Situationen bestimmte Gefühle und Gedanken auslösen. Wie Prägungen oder Traumatisierungen zustande gekommen sind. Auf der Grundlage von Verständnis dessen können neue Bewältigungsmodalitäten (Einstellungen oder Verhalten) erarbeitet werden.

Yoga nimmt in erster Linie eine beobachtende Haltung ein: Bewusstheit entsteht durch gleichzeitiges Beobachten und Nichtanhaften. Ich nehme Gedanken und Gefühle wahr, aber ich identifiziere mich nicht mit ihnen. Ich bin nicht mein Körper- Ich bin nicht mein Geist. Ich bin der Beobachter. àNeti-Neti-Meditation. Die Gründe meines Verhaltens sind insofern nicht relevant. Durch Distanzierung löse ich mich von der Identifikation mit Gedanken oder Gefühlen. Bin ich nicht mit meinen Gedanken oder Gefühlen identifiziert, kann ich sie vorüberziehen lassen ohne unter ihnen zu leiden. In der humanistischen Psychologie oder Gestalttherapie gibt es ähnliche Ansätze, die sich primär auf die Gegenwart beziehen. Ich muss nicht die ganze Biografie verstehen, es reicht das Hier und Jetzt zu beobachten und daraus Änderungen abzuleiten.

Während es in der Psychotherapie häufig um (individuelle oder professionelle) Bewertungen, Kategorisierungen und Diagnosen geht, streben spirituelle Strömungen wie Yoga oder Schamanismus eher die Freiwerdung von Bewertungen oder Urteilen an, da durch das innere Dialogisieren und Kategorisieren die Fähigkeit zur übersinnlichen Wahrnehmung unterdrückt wird.

In der modernen Psychotherapie werden Techniken eingesetzt, die als Yogapraktiken bekannt sind. Dazu zählen Entspannungstechniken und Atemübungen, die in der Verhaltenstherapie unter dem Stichwort Skills oder Emotionsregulation eingesetzt werden. Studien belegen diese als besonders effektiv und hilfreich, auch bei schweren und langanhaltenden Traumatisierungen. In der Behandlung von Stress und Anspannungszuständen, bei innerer Unruhe und chronischen Schmerzen sind diese ebenso relevant. Darüber hinaus hat sich besonders in der Verhaltenstherapie etabliert, mit Meditationen oder sogenannte Fantasiereisen zu arbeiten. Da der Meditierende in tiefenentspanntem Zustand ist, lockern sich die Grenzen zum Unbewussten. So kann auf die innere Wahrheit zurückgegriffen werden und der Patient entwickelt eigene hilfreiche Bilder oder Ressourcen. In Meditationen können schwierige oder traumatische Erfahrungen korrigiert werden und eine neue Perspektive und Art des Erlebens ermöglichen. Körpertherapeutische Verfahren basieren auf der Annahme, dass in einer körperlichen Haltung eine Bewusstwerdung von Erinnerungen, Empfindungen, Emotionen oder Gedanken zustande kommen kann. Durch eine Korrektur der Haltung können Prozesse der Neubewertung oder eines alternativen Erlebens ermöglicht werden. Yoga ist eine Methode der Selbsterfahrung. In einer Asana kann gezielt beobachtet werden, welche inneren Vorgänge, Gefühle, Emotionen usw. ausgelöst werden. Bestimmte Asanas fördern die Entwicklung von Fähigkeiten oder Eigenschaften, stellen Balance in assoziierten Chakren dar oder reinigen blockierte Energiekanäle (Nadis). Veränderungen in unserem Leben können durch Körperhaltungen erreicht werden.

Sowohl Psychotherapie als auch Yoga haben zum Ziel, das eigene Leben zu bestimmen und Verantwortung für sich selbst und das eigene Wohlbefinden und Handeln zu übernehmen.

Yoga gibt ein sehr breites Feld an Möglichkeiten an, wie man das Leben bewältigen kann. Es gibt Empfehlungen oder Regeln, die helfen zu einer gesunden Lebensweise beizutragen. Ashtanga Marga beschreibt den Achtgliedrigen Pfad mit spirituellen Praktiken:

  • Yama: Regeln für den Umgang mit Anderen

  • Niyama: Gebote, Verhaltensregeln für das Privatleben

  • Asana: Haltungen, Stellungen

  • Pranayama: Atemübungen

  • Pratyahara: das Zurückziehen der Sinne

  • Dharana: Konzentration

  • Dhyana: Versenkung, Meditation

  • Samadhi: Überbewusstsein

In der modernen Psychotherapie geht es eher darum ein Individuum zu unterstützen als allgemeingültige Regeln aufzustellen. Dennoch gibt es unter dem Begriff Psychohygiene Maßnahmen und Verhaltensregeln, die dem Schutz, der Erhaltung und Förderung psychischer Gesundheit dienen.

Darüber hinaus haben Ansätze der Achtsamkeit auch Bedeutung in Psychotherapie gefunden, bspw. Mindfulness-based-therapy und psychische Probleme wie Stress und Depressionen können damit behandelt werden.

Während sich Psychologie und Psychotherapie vorwiegend mit unserer physischen, manifesten Realität befassen, erfasst Yoga eine weitere Ebene: Die Spiritualität. Glaube an eine höhere Wirklichkeit, an die Reise der Seele und damit die Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens. Während auch einige Vertreter der Psychologie spirituell geprägt waren, z.B. C.G. Jung, Erich Fromm, Stanislav Grof, Wilhelm Reich, Fritz und Laura Perls, bezieht sich die moderne Psychotherapie meist nicht auf eine spirituelle Ebene oder den Glauben. Die Verbindung kommt in der westlichen Welt eher dem Beruf des Seelsorgers gleich. Immerhin wurde das Bedürfnis nach spiritueller Entwicklung in die Maslowsche Bedürfnispyramide integriert und Glaube als Ressource anerkannt. 

 

Es gibt wie dargestellt zahlreiche Gemeinsamkeiten zwischen Yoga und Therapeutischen Ansätzen. Da die Disziplin der Psychologie/- therapie erst viel später entstand, ist davon auszugehen, dass viele Methoden von behandelnden Ärzten oder Therapeuten, die sich ihrer Wirksamkeit bewusst waren aus Yoga, Buddhismus oder anderen spirituellen Strömungen übernommen wurden. So können auch rational geprägte Menschen von Behandlungsmethoden profitieren, denen sie unter spiritueller Aufhängung wahrscheinlich nicht zustimmen würden.

Unsere naturwissenschaftlich geprägte westliche Weltordnung hat noch Schwierigkeiten, Beweise für die Existenz von göttlichen oder übersinnlichen Phänomenen zu finden (obwohl es wirklich viel Literatur dazu gibt, die aber meist nicht den Kriterien wissenschaftlicher Standards entspricht -was hier nun leider zu weit führt). Es gibt Wissenschaftler, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Methoden zu entwickeln, energetische oder ätherische Phänomene abzubilden und damit als Forschungsgegenstand zu behandeln. Ich denke, solche Studien können durchaus hilfreich sein, um auch skeptische Menschen für alternative Behandlungsmethoden zu öffnen. Auf der anderen Seite bedauere ich, dass so vielen von uns scheinbar grundsätzlich der Glaube und damit auch das Staunen gegenüber dem Mysteriösen, Unerklärlichen, abhanden gekommen ist. Dass rationale, vernunftmäßige Überlegungen und Entscheidungen das Vertrauen in die Kraft in uns selbst, sowie das Hören auf die innere Stimme oder unsere Intuition verdrängen oder abtun. Glaube oder Spiritualität wird häufig mit einer Flucht in Fantasiewelten gleichgesetzt, anstatt die Bereicherung zu sehen, die das Individuum dadurch erlangen und in der alltäglichen Welt einsetzen kann. Für mich persönlich geht es weiterhin darum, beide Disziplinen zu integrieren. Und Spiritualität schon als solche in ihrer therapeutischen Kraft anzuerkennen. Das Leben als Lehrer. Innere Führung als Wegweiser. Dass auch in unserer westlichen Welt Spiritualität und der Zugang zur eigenen Seele als wichtiger Bestandteil für ein sinnhaftes und damit persönlich wertvolles Leben angesehen wird. Durch ein erweitertes Verständnis von spirituellen oder übersinnlichen Phänomenen unter medizinischen Fachkräften, könnten Behandlungsmethoden weiter verbessert werden, wo aktuell in vielen Fällen nur medikamentöse Betäubung und nicht Behandlung des darunter liegenden möglich ist. Stigmatisierung durch schwerwiegende Diagnosen stellt für die Betroffenen nach wie vor eine massive Belastung dar. Spirituell arbeitende Menschen und kassenärztlich anerkannte Therapeuten könnten von einer Zusammenarbeit zum Wohl der Betroffenen profitieren. Letztlich hat jeder Mensch das Recht auf seine eigene Realität und Heilung findet innerhalb dieser eigenen Gesetze statt. 

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